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Predigt, Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020

„Was mag Gott dazu bewegt haben, uns Menschen zu schaffen?“ – habe ich mal Schülerinnen und Schüler gefragt. Im Religionsunterricht. Zum Einstieg in das Thema „Schöpfung“. Zunächst erntete ich verwunderte Blicke. […]

Predigt von Pastor Norbert Schwarz
Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020
Audiopredigt zu Röm 8,26-30 am Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020 von
Pastor Norbert Schwarz

Wochenspruch

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen (Joh 12,32).

Predigttext Röm 8,26-30 Hoffnung für die Schöpfung und Gewissheit des Heils

26 In unserer Schwachheit richtet uns der Geist auf. Denn wir wissen oft nicht, worum wir bitten sollen oder finden nicht die richtigen Worte. Der Geist selbst aber tritt für uns ein mitten in unserem unaussprechlichen Seufzen. 27 Gott kennt unsere Herzensanliegen und weiß, was sein Geist in unserem Innern ihm sagen will. So, wie es angemessen ist, tritt der Geist für diejenigen ein, die Gott als sein Eigentum ausgesondert hat. 28 Was auch geschieht – wir wissen: Denen, die Gott lieben und die durch seinen Entschluss berufen sind, müssen alle Dinge zum Besten dienen. 29 Alle, die Gott im Voraus ausgewählt hat, die hat er auch dazu bestimmt, seinem Sohn gleich zu werden. Nach dessen Bild sollen sie gestaltet werden, damit er der Erstgeborene unter vielen Geschwistern ist. 30 Die er aber bestimmt hat seinem Sohn gleich zu werden, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gesprochen; die er aber gerecht gesprochen hat, die hat er auch verherrlicht.

Predigt

Liebe Gemeinde!

„Was mag Gott dazu bewegt haben, uns Menschen zu schaffen?“ – habe ich mal Schülerinnen und Schüler gefragt. Im Religionsunterricht. Zum Einstieg in das Thema „Schöpfung“. Zunächst erntete ich verwunderte Blicke. Dann ließen sich einige darauf ein. „Vielleicht war’s Gott langweilig. Er wollte etwas schaffen, was außerhalb von ihm ist und schauen, was daraus wird“ – war eine Vermutung. „Gott brauchte jemanden, der sich um die Welt kümmert. Einen Verwalter, der ihn vertritt,“ sagte jemand anderes. „Gott wollte jemanden neben sich haben, damit er nicht allein ist,“ wieder ein anderer.
Im weiteren Verlauf wurde klar: Das Nachdenken über Gottes Schöpfung braucht keine leere Spekulation bleiben. Es kann etwas mit mir selbst zu tun bekommen. Damit, wie ich mich sehe. Spätestens wenn ich frage: „Wozu hat Gott mich geschaffen?“, hat das Konsequenzen für mein Leben. Je nachdem, wie die Antwort ausfällt: Bin ich nur ein Zufallsprodukt? Aus Langeweile heraus entstanden? Oder hat Gott etwas Besonderes mit mir vor? Bin ich ihm wichtig? Oder bin ich ihm gleichgültig? Sein Partner? Oder nur sein Werkzeug, mit dem er seine eignen Zwecke verfolgt?
In der Geschichte der Religion wurde diese Frage ganz unterschiedlich beantwortet. Antworten hängen damit zusammen, was Menschen erlebt und erlitten haben: Habe ich in meinem Leben Geborgenheit und Wärme empfangen? Oder bin ich von anderen für ihre Zwecke benutzt worden? Habe ich gelernt zu vertrauen? Oder haben Verletzungen mich misstrauisch gemacht? – Lebenserfahrungen färben ab auf das Bild, das wir von Gott haben. Deswegen sind die Antworten so unterschiedlich.

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„Wozu hat Gott mich geschaffen?“ – Diese Frage drängt sich auch in der römischen Gemeinde auf. Die Christen in Rom müssen unterschiedliche Erfahrungen zusammenbringen. In der Taufe haben sie die befreiende Kraft des Geistes empfangen. In ihrem Alltag erfahren sie Leid und Sinnlosigkeit. Sie sind eingekeilt zwischen Ängsten, erschöpft, oft zu müde zum Beten. Vom römischen Staat werden sie verfolgt. Sie haben einen Glauben, den sie im Gottesdienst bekennen, aber sie wissen nicht, wie sie den im Alltag leben können.
Mit diesem Widerspruch sind sie nicht allein. Er begleitet die Christenheit durch ihre Geschichte.  Zusammen mit anderen fällt es leicht in das Bekenntnis zu Gott einzustimmen. Draußen, im Alltag ist das oft anders. Da bin ich allein.  Da bin ich oft ratlos. Mir fehlt die Kraft, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Und wenn es doch einmal gelingt, werde ich im nächsten Moment wieder abgelenkt.

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„Wozu hat Gott mich geschaffen?“ – Paulus antwortet darauf gradlinig. In wenigen Federstrichen. So schnell und zielsicher, dass es einem schwer fällt ihm zu folgen: Ihr seid von Gott erwählt, nach seinem Ebenbild gestaltet, berufen, gerecht gesprochen und verherrlicht. Dazu hat er Euch geschaffen. Einen jeden. Das gilt von Eurer Taufe her.“
Wie ein findiger Jurist zeichnet Paulus flink ein gewaltiges Panorama. Er greift zu bedeutungsschweren Begriffe. Angefüllt mit Theologie. Mir fällt es schwer, mich auf Anhieb darin zu verorten.

Vielleicht hilft es, sich das Ausmaß dieses Bildes klar zu machen. „Erwählt, zum Ebenbild geschaffen, gerecht gesprochen und verherrlicht“ – In einem einzigen Satz zieht Paulus eine große Linie. Von der Schöpfung bis zum jüngsten Tag. Er spannt einen großen Horizont auf. Dieses Bild sprengt den Rahmen des Alltäglichen. Große Teile davon liegen außerhalb von dem Blickwinkel, den ich auf mein Leben habe. Kann dieser große Wurf mir helfen, mein Leben hier und jetzt zu bewältigen?

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Dienstag vor einigen Wochen. Am späten Abend. Markus Lanz moderiert im ZDF die x-te Talkrunde zur Corona-Krise. Im Studio ein Ministerpräsident, ein Virologe sowie die Schriftstellerin Thea Dorn. Zunächst dreht sich das Gespräch um Schutzmasken, um neueste Studien zu Covid-19 und um Prognosen, wie man der Pandemie Herr werden kann. Schließlich kommt der Moderator auf einen Text zu sprechen, den Thea Dorn geschrieben hat. Über die Einsamkeit der Sterbenden in dieser Zeit. Das Gespräch nimmt eine unvermutete Wendung. Fragen kommen auf den Tisch, die im üblichen Talkshowbetrieb aus dem Rahmen fallen. Woraus können Menschen Trost schöpfen, zumal die Sterbenden und ihre Angehörigen? Thea Dorn bekennt, sie sei kein gläubiger Mensch. Aber dann erzählt sie, wie sie in Hamburg auf dem Weg zum Studio an einer Kirche vorbeigekommen sei. Draußen hing ein großes Transparent mit einem Zitat aus einem Paulusbrief. „Der klügste Satz, den ich heute gehört habe,“ bekennt sie. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal in einem Fernsehstudio sitzen und sagen werde: Der klügste Satz, den ich heute gehört habe, war ein Bibelzitat von Paulus! Und zwar stand da drauf: ‚Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.‘ Der Satz hat mich umgehauen. Ich habe den Eindruck, wir lassen uns im Augenblick massiv vom Geist der Furcht leiten und nicht vom Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit,“ bekennt die Schriftstellerin.

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„Die Gott dazu bestimmt hat, seinem Sohn gleich zu werden, die hat er auch berufen; der er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gesprochen, die er aber gerecht gesprochen hat, die hat er auch verherrlicht.“ – Diese Schlussfolgerung ist von dem gleichen Kaliber wie jenes Zitat, das Thea Dorn auf dem Transparent gelesen hat. Wer es mit Gott zu tun bekommt, dessen Blick geht über den Alltagshorizont hinaus.
„Wozu hat Gott mich geschaffen?“ – Die Antwort darauf liegt außerhalb des Rahmens, in dem wir uns gewöhnlich bewegen. Viel zu selten lassen wir dazu verleiten, unseren Bildausschnitt zu verschieben. Dann würden wir sehen: Wir kommen nicht aus dem Nichts. Und wir gehen nicht ins Leere. Wir kommen von Gott her und wir gehen auf ihn zu. Er hat uns dazu bestimmt sein Partner, sein Ebenbild, in Christus seine Geschwister zu sein.
Es kommt darauf an, das ganze Bild zu sehen. Wer sich vor einem großen Horizont steht, kann über sich hinauswachsen. Der kann sich ausstrecken nach dem, was weit vor ihm liegt. Gott wird ihn mit offenen Armen erwarten. Sein Geist hilft unserer Schwachheit auf.
Amen.

Gottes Segen wünscht Ihnen Ihr Pastor Norbert Schwarz. Bleiben Sie behütet!

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